Thesen und Erkenntnisse

Thesen und Erkenntnisse: Im Laufe unserer Forschung wurden wir häufig zum Thema Respekt befragt und versuchten, möglichst präzise und für die Allgemeinheit verständliche Antworten zu finden. Über diesen Prozess haben wir zentrale Einsichten gewonnen und hier für Sie zusammengestellt.

Es gibt mindestens zwei Arten von Respekt, die man unterscheiden sollte:

  1. Horizontaler Respekt entsteht auf der Grundlage wahrgenommener Gleichwertigkeit. Er drückt sich darin aus, dass man einen Anderen als prinzipiell gleichwertiges Gegenüber behandelt und daher dessen Wünsche und Wahrheitsdefinition im eigenen Handeln stets berücksichtigt.
  2. Vertikaler Respekt entsteht auf der Grundlage wahrgenommener positiv bewerteter Differenz. Dem Anderen werden (besonderes oder größeres) Wissen, (besondere oder größere) Fähigkeiten, (besondere oder größere) Leistungen oder (besondere oder herausragende) Eigenschaften zugeschrieben. Vertikaler Respekt drückt sich darin aus, dass man einem Anderen freiwillig und gerne folgt, zumindest in den Bereichen, in denen diese positive Differenz wahrgenommen wird.
  • Horizontaler Respekt gilt unbedingt oder absolut: Entweder man erkennt einen Anderen als gleichwertiges Gegenüber an oder man tut es nicht. Es gibt in der Haltung horizontalen Respekts keine Abstufungen. Nur in der Intensität, in der diese Haltung für einen Anderen sichtbar wird, kann es Abstufungen geben.
  • Vertikaler Respekt gilt bedingt oder graduell: In dem Maße, in dem man beim Anderen besondere, größere oder bessere Ausprägungen in Wissen, Fähigkeiten, Leistung oder Eigenschaften wahrnimmt, wird dieser Andere respektiert.
  • Horizontaler Respekt ist eine Haltung. – Diese kann sich in Höflichkeit ausdrücken, muss es aber nicht. Vielmehr ist die Frage entscheidend, ob der Andere im eigenen Handlungskalkül als gleichwertig berücksichtigt wird.
  • Horizontaler Respekt zeigt sich im potentiellen Konflikt. – Erst wenn ein Konflikt vorliegt, also wenn zwischen mindestens zwei interagierenden Parteien unvereinbare Unterschiede oder Bedrohungen ihrer jeweiligen Mittel, Bedürfnisse oder Werte wahrgenommen werden, stellt sich die Frage, ob der Andere im eigenen Handlungskalkül als gleichwertig berücksichtig wird. Die Aussage: „Ich respektiere jeden, solange er mit mir übereinstimmt oder mich nicht stört“ hat dementsprechend nichts mit Respekt zu tun.
  • Horizontaler Respekt setzt Einsicht voraus. – Die Einsicht, dass Menschen gleichwertig (nicht gleich) sind. Somit kann horizontaler Respekt erlernt werden.
  • Vertikaler Respekt steht für emergente Führungslegitimität. – Durch vertikalen Respekt wird signalisiert, dass man sich freiwillig und gern unterordnen würde. Eine organisationale Hierarchie, die auf der Basis vertikalen Respekts organisiert ist, funktioniert also reibungsloser.
  • Keine der beiden Arten des Respekts kann man erzwingen. – Die implizierte Gleichwertigkeit der Menschen im horizontalen Respekt muss selbst eingesehen werden. Die implizierte Differenz im vertikalen Respekt muss anerkannt und für richtig befunden werden. Beide Arten werden somit durch das respektierende Subjekt entschieden.
  • Horizontaler Respekt ist eine Interaktionsqualität. – Er entsteht in der Interaktion zwischen Menschen und wird über Resonanz vermittelt. Dementsprechend ist es nicht möglich, für sich zu beanspruchen, sich respektvoll zu verhalten, wenn das Verhalten von den entsprechenden Personen nicht als respektvoll empfunden wird. Ebenso gilt: Nur weil jemand sich respektiert fühlt, braucht beim Anderen noch keine respektvolle Haltung vorzuliegen.
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