Definition

Zentrale Facetten des Respektbegriffs: In weitgehender Übereinstimmung mit den philosophischen Traditionen der Respektforschung (vgl. Dillon, 2003, 2007; van Quaquebeke, Henrich, & Eckloff, 2007) verstehen wir Respekt als eine Einstellung eines Menschen einem Anderen gegenüber, bei welcher er in diesem einen Grund erkennt, der es aus sich heraus rechtfertigt, ihn zu beachten und auf solche Weise zu agieren, dass bei ihm über Resonanz das Gefühl entsteht, in seiner Bedeutung und seinem Wert (an)erkannt zu sein. Die in dieser Definition angesprochenen Facetten von Respekt sollen im Folgenden näher ausgeführt werden.

Eine Person, die respektiert, beachtet ihr Gegenüber. Das aus dem Lateinischen stammende Wort respicere, von dem sich Respekt etymologisch ableiten lässt, bedeutet wörtlich übersetzt „zurücksehen auf“ oder „nochmals hinsehen“, in einem etwas umfassenderen Sinne auch „berücksichtigen“, „beachten“. Der Modus der Wahrnehmung, des Verstehens und Begreifens der Person, die man respektiert, kann entsprechend als ein Modus der Beachtung beschrieben werden (Dillon, 2003). Eine andere Person zu beachten bedeutet, ihre Bedeutung und ihren Wert zu erkennen, es bedeutet, sich aktiv mit ihr auseinanderzusetzen, um zu erkennen, was oder wie sie „wirklich“ ist, also sie aus ihrem Bezugsrahmen heraus zu verstehen. Respekt zielt damit darauf, den Anderen adäquat einzuschätzen. Dazu gehört es, die Anwesenheit des Gegenübers in der eigenen Umwelt bewusst wahrzunehmen, seine Rolle im situativ gegebenen Zusammenhang zu erkennen und das gegenseitige Beziehungsverhältnis passend einzuschätzen.

Jemand, der respektiert, erkennt im Anderen einen Grund, der den Respekt aus sich selbst heraus rechtfertigt. Respekt wird geschuldet, jemand verdient ihn oder hat etwas an sich, was Respekt hervorruft. Diese alltagssprachlichen Verwendungsformen des Begriffs verweisen darauf, dass das Gegenüber aus Sicht dessen, der respektiert, bestimmte Merkmale oder Charakteristika besitzt, welche Beachtung und eine respektvolle Reaktion rechtfertigen. Das Gegenüber gibt einem quasi einen „guten Grund“, es zu respektieren und damit anzuerkennen, dass es einen legitimen Anspruch auf unsere Beachtung und Würdigung hat, gemäß dem, was oder wie es ist. Dieser Grund ist grundsätzlicher Art, in dem Sinne, dass seine Bedeutung und sein Gewicht nicht von der eigenen Interessenlage, den eigenen Zielen oder Bedürfnissen abhängen. Er bestimmt direkt unseren Willen, ohne durch unsere Neigungen beeinflusst zu sein (Rawls, 1999). Insofern ist eine respektvolle Reaktion freiwillig, aber wir würden es als falsch empfinden, entgegen diesem Grund und der daraus resultierenden Logik zu handeln (vgl.: Birch, 1993; Raz, 2001; Sennett, 2002). Damit genügt Respekt der Kant’schen Forderung des kategorischen Imperativs, den Anderen vor allem als Zweck in sich selbst und nicht nur als Mittel zu sehen. Wenn sich jemand zum überwiegenden Teil nur aufgrund der Nützlichkeit des Gegenübers für die Erreichung der eigenen Ziele oder Befriedigung der eigenen Bedürfnisse wertschätzend verhält, kann entsprechend nicht von Respekt gesprochen werden. Da sehr unterschiedliche Merkmale oder Charakteristika als Grund dienen können – z.B. kann jemand als sehr kompetenter Mitarbeiter, als Bedrohung für die eigene Karriere oder als Vertragspartner wahrgenommen werden – wird der Ausdruck des Respekts einer Person gegenüber auch sehr unterschiedlich sein. Eine respektvolle Reaktion hat jedoch als Grundlage immer den oben angesprochenen, aktiven, auf Beachtung basierenden Erkenntnisprozess (vgl. Dillon, 2003).

Eine Person, die respektiert, handelt auf solche Weise, dass beim Gegenüber über Resonanz das Gefühl entsteht, in seiner Bedeutung oder seinem Wert (an)erkannt zu sein. Nach Spears, Ellemers und Doosje (2005) beinhaltet Respekt eine Wertschätzung des Gegenübers, welche über das eigene Verhalten kommuniziert wird. Durch Projektion des Subjekts auf sein Gegenüber entsteht bei diesem über Resonanz das Gefühl, dass es so, wie es ist, von Wert ist. Im Lichte der obigen Ausführungen kann Respekt also als ein Erkenntnisprozess gesehen werden, der zum Ziel hat, den Wert und die Bedeutung eines Anderen zu erkennen, anzuerkennen und zu kommunizieren. Als wertschätzende Antwort auf das Gegenüber beinhaltet Respekt, eine wertschätzende Haltung in Bezug auf den Anderen zu haben und auf der Basis dieser Haltung zu handeln (Downie & Telfer, 1969; Frankena, 1986). Dazu müssen wir jemanden, den wir respektieren, nicht unbedingt persönlich mögen oder mit ihm übereinstimmen (Simon, Stürmer, & Lücken, 2004). Ein Schlechtmachen, aber auch Begünstigung oder das Schönreden in dem Sinne, dass das Gegenüber für etwas wertgeschätzt wird, was von diesem als nicht real vorhanden empfunden wird, kann dementsprechend nicht als Respekt bezeichnet werden (Anderson, 1993; Pettit, 1989).

Ein solches grundsätzliches Verständnis von Respekt kann als Ausrichtung oder Orientierungspunkt dienen, um im gegebenen Fall anhand der eigenen Haltung überprüfen zu können, ob die eigene Motivation tatsächlich gerade eine respektvolle ist. Denn es wird nicht ausreichen, sich in Verhaltenstrainings einfach die in einem Handlungsinventar respektvollen Verhaltens aufgeführten Verhaltensweisen anzutrainieren. Vorgetäuschter Respekt, der also nicht durch die Haltung des Respektierenden gedeckt ist, funktioniert nicht, weil die Menschen es merken und damit eher der gegenteilige Effekt erzielt wird.

Literatur: Anderson, E. (1993). Value in ethics and economics. Cambridge, MA: Harvard University Press.
Birch, T. H. (1993). Moral considerability and universal consideration. Environmental Ethics, 15, 313-332.
Downie, R. S., & Telfer, E. (1969). Respect for Persons. London: George Allen&Unwin.
Frankena, W. K. (1986). The ethics of respect for persons. Philosophical Topics, 14, 149-167.
Pettit, P. (1989). Consequentialism and respect for persons. Ethics, 100, 116-126.
Rawls, J. (1999). A theory of justice. Cambridge, MA: Harvard University Press.
Raz, J. (2001). Value, respect and attachment (Vol. 4). Cambridge: Cambridge University Press.
Sennett, R. (2002). Respekt im Zeitalter der Ungleichheit. Berlin: Berlin-Verl.
Simon, B., Stürmer, S., & Lücken, M. (2004). Intragroup respect – Respect and group life: The role of acceptance and equality. Unpublished manuscript, Kiel.
Spears, R., Ellemers, N., & Doosje, B. (2005). Let me count the ways in which I respect thee: Does competence compensate or compromise lack of liking from the group? European Journal of Social Psychology, 35(2), 263-279.
van Quaquebeke, N., Henrich, D. C., & Eckloff, T. (2007). “It’s not tolerance I’m asking for, it’s respect!” A conceptual framework to differentiate between tolerance, acceptance and respect. Gruppendynamik und Organisationsberatung, 38(2), 185-200.
Dillon, R. S. (2003). Respect. The Stanford Encyclopedia of Philosophy Fall 2003 Edition. Retrieved October 05, 2004, from http://plato.stanford.edu/archives/fall2003/entries/respect/
Dillon, R. S. (2007). Respect: A philosophical perspective. Gruppendynamik und Organisationsberatung, 38(2), 201-212.

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